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Nias

Spendenaktionen für die Opfer der Flutwelle.


Die Naturkatastrophe in Asien im Jahr 2004 hatte in ihrer Dimension historische Ausmaße. Aber auch die Antwort der Menschen auf das Ereignis war einmalig: In einer beispiellosen Weise sind auf der ganzen Welt Hilfsaktionen ins Leben gerufen worden, nicht nur Hilfsaktionen der Staatengemeinschaft, sondern auch der Kommunen und ihrer Bürgerinnen und Bürger. Das gilt auch für die Region. Einige Gemeinden im Landkreis Konstanz unterstützten die Stadt Mullaitivu auf Sri Lanka. In Konstanz fand der Spendenaufruf für das Projekt der Konstanzer Augenärztin Miriam Beer große Resonanz, das ebenfalls  Hilfsmaßnahmen auf Sri Lanka galt. Die Stadt Konstanz hat zusammen mit der Hochschule Technik, Wirtschaft und Gestaltung Konstanz (HTWG) eine Spendanaktion durchgeführt, die den Menschen auf der indonesischen Insel Nias zu Gute kommt. Nias liegt rund 120 km entfernt von der Westküste der Insel Sumatra und befindet sich in der Nähe der besonders hart getroffenen indonesischen Provinz Aceh. Die Menschen auf Nias waren von der Katastrophe doppelt betroffen. Dadurch, dass die Region im Epizentrum der Katastrophe lag, waren sie neben der Flutwelle auch mit den vollen Auswirkungen des Erdbebens konfrontiert. Die West- und Südküste wurde durch die Naturgewalten über große Strecken verwüstet. An Opfern waren mehrere hundert Verletzten und 220 Tote zu beklagen. Viele Menschen haben alles verloren. An die 6.000 Einwohner wurden obdachlos, die meisten Reisfelder und Äcker wurden vernichtet. Neben vielen Häusern wurden auch Kirchen, Schulen, Verwaltungsgebäude, Brücken sowie eine Poliklinik zerstört. Es gab kein sauberes Trinkwasser mehr und nur wenig medizinische Hilfe aus dem Ausland.

 

Die Insel Nias

Warum hat die Stadt Konstanz gerade für Nias Hilfsmaßnahmen ausgerichtet? Ganz entscheidend für eine funktionierende Hilfe, das hat sich bei anderen internationalen Projekten gezeigt, welche die Stadt durchgeführt hatte, ist die Möglichkeit, auf bereits existierende Verbindungen aufbauen zu können. Die nach den Katastrophenmeldungen unternommenen Recherchen hatten ergeben, dass von Seiten der HTWG im Studiengang angewandte Weltwirtschaftssprachen Kontakte zur Katastrophenregion durch ein Projekt vorhanden waren, das Professor Helmut Weber auf der Insel durchgeführt hatte. Weber hatte untersucht, in wie fern die Insel über Potenziale verfügt, die eventuell für einen ökologisch orientierten Tourismus erschlossen werden könnten, um der Bevölkerung Einkommen zu verschaffen. Bisher spielt der Tourismus für die 650.000 Bewohner auf Nias eine untergeordnete Rolle. Die meisten Urlauber sind jugendliche Low-Budget-Touristen, für welche vor allem die Surfmöglichkeiten vor der im Süden der Insel gelegenen Sorake-Beach in Verbindung mit einem äußerst niedrigen Preisniveau den Ausschlag für dieses Reiseziel geben. Die Bewohner und die Betreiber der Hotel- und Restaurantbetriebe können ihr Überleben von den Erträgen aus dem Tourismussektor nicht sichern. Zusätzliche Einnahmequellen würden auf der Insel aber dringend gebraucht, denn vom Reichtum Sumatras ist auf Nias nichts zu spüren.  Ein Großteil der Bevölkerung ist in der Landwirtschaft und der Fischerei tätig (80%), während nur 0,6% dem kleinindustriellen Sektor (v.a. Handwerk) und knapp 5% dem Handel zugeordnet werden. Nias ist von einer Subsistenzwirtschaft geprägt, d.h. die Landwirtschaft dient hauptsächlich der Deckung des eigenen Bedarfs. Wirtschaftliche Entfaltungsmöglichkeiten gibt es kaum. Mit einem durchschnittlichen Pro-Kopf-Einkommen von ca. 250 €/Jahr gehört Nias zu den ärmsten der 17 Bezirke der Provinz Nord-Sumatra. Die rückständige Entwicklung zeigt sich auch am Stand der infrastrukturellen Entwicklung. Von den 1993 offiziell angegebenen 507 km Asphaltstraße sind bestenfalls 200 km in einem einigermaßen passablen Zustand. Abseits der Hauptstraßen sind viele Orte nur mit dem Motorrad oder zu Fuß zu erreichen. Diese Situation ist auch aus humanitären Gesichtspunkten sehr problematisch: Der Weg zu den Wasserquellen ist oft lang und beschwerlich, das Wasser zudem häufig verseucht. Krankheiten wie Cholera, Typhus, Malaria und Dengue-Fieber sind nicht selten und verlaufen oft tödlich. Schnelle Hilfe kann bei diesen Wegeverhältnissen nicht geleistet werden. Zu beachten ist: Diese Beschreibung bezieht sich auf den Ist-Zustand vor dem Tsunami. Die Zerstörungen nach der Flutwelle und dem Erdbeben haben die gesamte Situation noch verschärft.

 

Beschluss der Projektpartnerschaft

Bereits unmittelbar nach den Katastrophenmeldungen Ende Dezember 2004 hatte die Stadt Konstanz einen Spendenaufruf für die Menschen auf Nias herausgegeben, der eine sehr positive Resonanz verzeichnen konnte: die Initiatoren des Benefizkonzertes vom 7. Januar 2005 im Konzil stellten den Erlös in Höhe von 9.000 € der Spendenaktion zur Verfügung. Das Parkhaus Altstadt beteiligte sich mit einem Betrag von 2.500 €. Auch die Stadtwerke schlossen sich dem Spendenaufruf an. Einzelne Bürgerinnen und Bürger beteiligten sich mit Beträgen, die sich auf rund 10.000 € summierten. Darüber hinaus sammelten Studentinnen und Studenten der HTWG und die Initiative "Helft uns Helfen" mit einer Straßenaktion". Hinzu kamen 5.000 € von der Stadt, die der Gemeinderat im Vorgriff auf den Haushalt 2005 bewilligte, und über 7.000 €, welche die Vereinigung der Konstanzer Narren aus den Einnahmen ihrer Narrenkonzerte zur Verfügung stellte. Insgesamt standen für das Hilfsprojekt der Stadt und der Fachhochschule innerhalb weniger Wochen Hilfsgelder von rund 50.000 € zur Verfügung.

Bei den Beratungen der Hilfsmöglichkeiten im Gemeinderat wurde in der Sitzung am 27. Januar 2005 unterstrichen, dass es bei der Hilfe für Nias nicht allein um Sofortmaßnahmen gehen sollte, sondern dass auch auf die Komponente der Nachhaltigkeit großen Wert gelegt wird. Der Gemeinderat beschloss daher, den Flutopfern in Südasien im Rahmen einer Projektpartnerschaft zu helfen. Die Stadt Konstanz folgte damit der Partnerschaftsinitiative des damaligen Bundeskanzlers Gerhard Schröder und des Städte- und Gemeindetags, deren Ziel es war, die Grundlage für eine über die Soforthilfe hinausgehende nachhaltige Wiederaufbauhilfe zu leisten. Es handelte sich dabei um projektbezogene Partnerschaften, die dazu dienen, klar definierte Vorhaben in den Katastrophengebieten umzusetzen und zu begleiten. Die Projektpartnerschaft der Stadt Konstanz sah zunächst konkrete Wiederaufbaumaßnahmen im Bereich der Trinkwasseraufbereitung und der Sanierung von Brunnen vor. Für die Umsetzung einer Konstanzer Projektpartnerschaft hatte die HTWG ihre konkrete Hilfe angeboten. Das Wiederaufbauprojekt der Stadt Konstanz konnte damit die Grundlage bilden für nachhaltige Hilfsmaßnahmen, die von der HTWG mittel- bis langfristig begleitet werden kann.

Wenige Monate nach dem Gemeinderatsbeschluss wurde die Situation durch ein weiteres Ereignis verschärft: Am Ostermontag 2005 wurde Nias von einem neuen Erdbeben heimgesucht. Aufbaumaßnahmen, die bis dahin vorgenommen worden waren, wurden von einer Stunde auf die andere zerstört, dazu viele weitere Gebiete, die bislang von der Katastrophe im Dezember verschont geblieben waren. Stark betroffen war vor allem die Hauptstadt Gunung Sitoli. Vor dem Hintergrund dieser völlig neuen Situation beschloss der Gemeinderat, für Wiederaufbaumaßnahmen aus dem Spendenaufkommen ein Soforthilfe von 20.000 € zur Verfügung zu stellen.

Mittlerweile hatte sich durch den Besuch von Professor Helmut Weber auf Nias mit Pater Johannes Hämmerle ein wertvoller Kontakt zur Insel ergeben. Johannes Hämmerle wirkt seit 1971 als Missionar auf der Insel, seit 1981 ist er indonesischer Staatsbürger. 1993 gründete er die staatlich anerkannte Pusaka-Nias-Stiftung. Neben seiner pastoralen Tätigkeit hat er sich in diesen Jahren vielfach als Ethnologe ausgezeichnet und mehrere Bücher über die Kultur der Insel veröffentlicht. Hämmerle ist in Hausach im Schwarzwald geboren, doch seine familiären Vernetzungen führen sogar bis in die Kanzleistraße in Konstanz, wo er Verwandte besitzt. Durch seine Vermittlung ist es gelungen, im Rahmen der Konstanzer Soforthilfe 60 beschädigte Häuser wieder Instand zu setzen, die durch das Erdbeben vom Ostermontag betroffen waren - und das heißt: mehr als 120 Familien ihre Bleibe zu sichern.


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