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„Barrierefreiheit ist kein Luxus“

Das vierte Konstanzer FORUM Inklusion drehte sich um das Thema Wohnen mit Behinderung. Klar wurde dabei: Trotz positiver Entwicklungen bleibt noch viel zu tun.


Der Behindertenbeauftragte der Stadt Konstanz, Stephan Grumbt, lud am Abend des 27. Novembers 2017 zur vierten Ausgabe des FORUMS Inklusion in den Treffpunkt Petershausen ein. Diesmal stand das Thema Wohnen mit Behinderung und Wohnformen für Menschen mit Behinderung im Mittelpunkt. Wie vielfältig das Thema ist, zeigte sich an den Erfahrungen zweier eingeladener Betroffener. So berichtete die geistig eingeschränkte Jennifer Hanauer von ihrem WG-Leben. Vor ihrem Einzug in die WG wohnte sie im Wohnheim. „Ich wollte aber mit weniger Menschen zusammen leben", sagte Jennifer Hanauer. Über das Trainingswohnen für Behinderte, das die Caritas Konstanz anbietet, schaffte sie den Sprung in eine Wohngemeinschaft für Menschen mit und ohne Behinderung der Caritas in Radolfzell. „Hier erhält Jennifer weiter eine Betreuung, die es ihr ermöglicht, selbständig zu leben", erklärte Betina Bielang, die Leiterin des Betreuten Wohnens für Menschen mit geistiger Behinderung der Caritas. „Menschen mit geistiger Behinderung haben es schwer eine Wohnung zu finden", so Bielang.

 

Chance auf selbständiges Wohnen

Die Wohnungssuche für die fast blinde Manuela Pruß, die nur noch Hell und Dunkel unterscheiden kann, verlief dagegen in eher üblichen Bahnen. Sie lebt seit vielen Jahren mit ihrer Familie in einem Wohnblock des Spar- und Bauvereins. „Es ist eine ganz normale Wohnung, in der ich mich aber wohl fühle und selbständig lebe." Die große Bedeutung eigenständig wohnen zu können, ist für Menschen mit Behinderung mindestens genau so wichtig, wie für Menschen ohne Behinderung, betonte Stephan Grumbt. „Das Wohnumfeld ist der wichtigste Faktor, um selbständig zu sein." „Das ist ein schönes Gefühl seine Ruhe zu haben und sich zuhause zu fühlen", ergänzte Jennifer Hanauer.

 

In ihrer eigenen Wohnung hat Manuela Pruß keine Probleme, sich zurecht zu finden. Außerhalb ihrer vier Wände jedoch steht sie öfter vor Herausforderungen. Pruß bemängelte, dass der Aufzug keine Sprachausgabe hat, die auf die Stockwerke aufmerksam macht. Außerdem helfe ihr eine gute Beleuchtung und Bodenstreifen an Treppen, sich sicher zu bewegen. Diese Anregungen will Saskia Klaus, die als Vertreterin des Spar- und Bauvereins eingeladen war, mitnehmen. Gemeinsam mit Michael Moser, stellvertretender Leiter Technische Abteilung der Städtischen Wohnungsbaugesellschaft WOBAK, berichte Saskia Klaus über die Anstrengungen, die die Wohnbaugenossenschaften bei der Bereitstellung von Wohnraum für Menschen mit Behinderung unternehmen.

 

Voraussetzungen für barrierefreies Wohnen

„Barrierefreies Bauen ist für uns Alltagsgeschäft", sagte Michael Moser. Dies gelte für Bestands- wie für Neubauten. Allerdings, so Klaus und Moser, komme es sehr auf die Topographie und Lage an, inwieweit Bestandsbauten umgerüstet werden können. So stellen vor allem Hauseingänge mit Treppen bereits Hürden dar. Für größere Neubauten gilt die gesetzliche Vorlage, barrierefreie Wohnungen zu bauen. „Aufzüge und Rampen spielen dabei eine große Rolle, aber sie decken nicht jede Form der Behinderung ab", erklärte Michael Moser. So kann Manuela Pruß zwar den Aufzug nutzen, aber wenn andere Bewohner etwas liegen lassen, würde sie trotzdem dadurch in ihrer Mobilität behindert. „Barrierefreiheit ist kein Luxus, wir werden alle mal betroffen sein, wenn wir älter werden", gab Stephan Grumbt zu Bedenken.

 

Zentrale Wohnungsvermittlung für behinderte Menschen fehlt

Barrierefreie Wohnungen sind immer noch Mangelware. Hinzu kommt, dass der Konstanzer Wohnungsmarkt per se angespannt ist. Bei der WOBAK warten 3000 Bewerber auf Wohnraum, beim Spar- und Bauverein sind es 1800, wie Michael Moser und Saskia Klaus berichteten. „Wir versuchen flexibel zur reagieren und rüsten auch normale Wohnungen um, oder helfen Bewohnern bei einem Umbau", sagte Michael Moser. Ein Problemfeld sah Stephan Grumbt bei der Wohnungsvermittlung. „Es gibt unterschiedliche Stellen, die sich um Wohnungssuchende mit Behinderung kümmern, die aber nicht miteinander vernetzt sind. Für die Kommune wäre es eine dankbare Aufgabe eine Zentrale zu schaffen, an die sich Betroffene wenden können."

 

Pflegeheim für jüngere Menschen mit Behinderung gefordert

Eine weitere Wohnform für Behinderte ist das Wohnheim. Thomas Rick, Leiter des Hauses St. Franziskus der Caritas, stellte das inklusive Angebot des Hauses vor, das sich an geistig behinderte Menschen wendet. Sie leben dort in Wohngruppen mit der Möglichkeit, wie im Falle von Jennifer Hanauer, in kleinen Wohngemeinschaften Selbständigkeit zu trainieren. Auch schwerstbehinderte Menschen können dort versorgt werden. „Für manche ist das Wohnheim eine Einrichtung auf Lebenszeit, für manche aber auch nur auf Zeit", sagte Thomas Rick.

 

Problematisch sah Rick besonders Fälle von Menschen, die durch einen Unfall oder eine Krankheit eine Behinderung in jüngeren und mittleren Jahren erfahren. „30-, 40-jährige sind gezwungen in ein Altenpflegeheim zu gehen, da es hier keine Alternativen gibt." Im Landkreis Konstanz gibt es kein Pflegeheim für jüngere Menschen mit Behinderung, so Grumbt. Hier herrsche ein hoher Nachholbedarf.

 

Auch mentale Barrieren überwinden

Den sieht Rick auch in den entstehenden Neubauten der Bauträger. „Es gibt zu wenig Wohnungen, in denen man eine WG gründen kann. Menschen mit Behinderung wollen die Wohnheime verlassen, aber nicht alleine. WGs sind unglaublich gefragt, aber nicht viele Wohnungen eignen sich dafür." Barrierefreiheit ist für Rick nicht nur wichtig in baulicher Hinsicht, sondern in gleichem Maße in mentaler Hinsicht. Denn oft seien die Nachbarn erst mal wenig angetan von WGs von Menschen mit Behinderung. „Das legt sich meistens, wenn man sich besser kennt", sagte Thomas Rick. Als positives Beispiel nannte Rick die WGs im Tannenhof. „Davon würden wir uns mehr wünschen."

 

Saskia Klaus berichtete in diesem Zusammenhang von einer Pflege-WG, die im Erich-Bloch-Weg entsteht. Ein Problem sei, dass viele Bestandsbauten nur kleine Wohneinheiten beim Spar- und Bauverein seien, und sich nicht für WGs eignen würden. „Es ist aber eine gute Idee Bestandsbauten nach ihrer WG-Tauglichkeit zu überprüfen", sagte Michael Moser. Auf Nachfrage aus dem Publikum verneinte er eine Wohnungsquote für Behinderte. „Wir versuchen alle gleich zu behandeln und stellen den entsprechenden Wohnraum zur Verfügung. Man muss wissen, dass es auch relativ wenig Wohnungswechsel bei uns gibt."

 

Noch große Anstrengungen nötig

„Es ist noch unglaublich viel Arbeit nötig, den städtischen Inklusionsplan und die Inklusion im Wohnen umzusetzen", sagte Stephan Grumbt abschließend. Hoffnungsvoll sei, dass die WOBAK und der Spar- und Bauverein Wohnungen umrüsten und in Neubauten barrierefreie bzw. barrierearme Wohnungen planen. Dass man dabei vieles beachten muss, zeigte auch eine Publikumsmeldung. So bemängelte ein Teilnehmer, dass es am Treffpunkt Petershausen nur bewirtschaftete Parkplätze gebe, Behindertenparkplätze aber fehlten. „Und das, obwohl hier viele Menschen im betreuten Wohnen leben."

 

Die Reihe Forum Inklusion wird 2018 fortgesetzt. Am 21. Februar 2018 wird das Thema Mobilität im Mittelpunkt stehen.



Zuletzt aktualisiert am: 30.11.2017

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